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Wo der Himmel begann und die Menschlichkeit endete

  • tr7079
  • 7. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

7.6.26

Zwischen Kiefernwäldern, Wiesen und Ostseewind tauchen plötzlich gewaltige Betonruinen auf.

Auf den ersten Blick erinnern sie an antike Aquädukte einer versunkenen Zivilisation. Tatsächlich stehen wir mitten in den Überresten der ehemaligen Raketenversuchs-anstalt Peenemünde.

Je länger wir durch diese Landschaft wandern, desto stärker wird ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Da ist zunächst die Faszination. Die schiere Größe der Anlagen, die technische Kühnheit und die Vorstellung, dass hier vor über achtzig Jahren Menschen an etwas arbeiteten, das die Welt verändern sollte.

Von hier stiegen die ersten Großraketen auf, von hier begann letztlich auch der Weg der Menschheit ins All.

Doch die Bewunderung bleibt nicht ungetrübt. Zwischen den überwucherten Betonresten liegt eine Beklemmung, die sich kaum abschütteln lässt. Die Wälder wirken still, fast zu still. Man spürt, dass dieser Ort mehr gesehen hat als technische Innovation und wissenschaftlichen Fortschritt. Hinter den Visionen vom Fliegen standen Krieg, Zerstörung und unermessliches menschliches Leid.

Im Historisch-Technischen Museum wird dieser Widerspruch greifbar. Einerseits die Genialität der Ingenieure, andererseits die Tatsache, dass Tausende Menschen unter Zwang und unmenschlichen Bedingungen an diesem Projekt arbeiten mussten. Die Geschichte lässt sich hier nicht in Gut und Böse aufteilen. Sie bleibt widersprüchlich und fordert zum Nachdenken heraus. Das sogenannte Sauerstoffwerk gehört zu den faszinierendsten und zugleich unheimlichsten Überresten der ehemaligen Heeresversuchsanstalt. Die V2-Raketen wurden mit einer Mischung aus Alkohol (Ethanol) und flüssigem Sauerstoff (LOX – Liquid Oxygen) angetrieben. Flüssiger Sauerstoff hat eine Temperatur von etwa -183 °C und musste direkt vor dem Start in die Raketen gepumpt werden. Dafür benötigte man eine eigene Großanlage, die Sauerstoff aus der Luft gewann, verflüssigte und lagerte.

Später steigen wir in das U-Boot U-461 hinab, es stammt aus den 1960-er Jahren. Die engen Gänge, die niedrigen Decken und die unzähligen technischen Einrichtungen vermitteln einen Eindruck davon, wie bedrückend das Leben an Bord gewesen sein muss.

Auch hier begegnen wir dem gleichen Spannungsfeld: technische Meisterleistung und militärische Bedrohung.

Am stärksten bleibt jedoch die Stimmung der Landschaft selbst in Erinnerung. Die weiten Felder, die Wälder und das Licht über der Ostsee wirken friedlich und beinahe zeitlos. Und doch scheint die Vergangenheit überall gegenwärtig zu sein. Es ist eine stille Traurigkeit, die weniger mit den Ruinen selbst zu tun hat als mit dem Wissen um das, was hier geschah – um die Hoffnungen, die missbraucht wurden, um die Menschen, die litten, und um die Wege, die die Geschichte genommen hat.

Peenemünde hinterlässt deshalb keine einfachen Eindrücke. Wir verlassen diesen Ort mit Staunen über die Möglichkeiten des Menschen, aber auch mit Demut vor seiner Verantwortung. Vielleicht ist genau diese Mischung aus Faszination, Beklemmung und Traurigkeit das Wertvollste, was ein Besuch hier vermitteln kann.

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