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ALTA – Weite, Steine und eine Landschaft mit Geschichte

tr7079
20. Aug.
4 Min. Lesezeit

18.-20.8.26 Von Karasjok fahren wir über Kautokeino nach Alta. Der Regen begleitet uns fast auf der ganzen Strecke, doch er kann der Schönheit dieser Landschaft wenig anhaben.

Im Gegenteil: Unter den tiefen Wolken wirken die Hochebenen noch weiter, die Farben noch kräftiger und die Landschaft noch nordischer.

Besonders eindrücklich ist der letzte Abschnitt: Vom Vakkerfjellet führt die Strasse hinunter Richtung Alta, und plötzlich öffnet sich vor uns die Landschaft zum Altafjord.

Alta überrascht uns. Seit unserem letzten Besuch hat sich das Zentrum enorm verändert. Viele neue Gebäude, grosszügige Plätze, alles wirkt gepflegt und herausgeputzt. Wir hatten die Stadt deutlich nüchterner und spröder in Erinnerung.

Natürlich besuchen wir die Nordlichtkathedrale, diesen eigenwilligen, spiralförmig aufstrebenden Bau, und die Ausstellung über die Nordlichter.

Die Christusfigur ist 4.3 m hoch: «Christus erscheint als gekreuzigter, doch zugleich als Segnender mit geöffneten Armen. In seinem letzten Atemzug öffnet er seinen Blick zu Gott – dankbar, der Erwählte zu sein, für jene, die ihn erwählt haben. Daher zeigt die Figur nicht den Leidenden, sondern den Starken und Gebenden. Im 7.5 Meter hohen Innenturm hängt die goldene Jakobsleiter, die sinnbildlich den Weg zwischen Erde und Himmel markiert. Der Turm selbst ist ein Lichttunnel. Auf der Aussenseite des Turms sind die 12 Apostel dargestellt. Die Nordlichtkathedrale hat 2 Kirchenglocken: «nahe an Gott» und « nahe am Menschen».

Diese Foto habe ich geklaut, vom Film über Nordlichter in Alta.
Diese Foto habe ich geklaut, vom Film über Nordlichter in Alta.

Danach schlendern wir durch das Zentrum, bevor wir unser schönes Haus, mit weitem Blick über den Altafjord, beziehen.


Tag 1 – Auf den Spuren der Vermessungsingenieure

Unser erstes Ziel ist ein Vermessungspunkt des Struve-Meridianbogens auf 286 Metern über Meer. Oben wird einem bewusst, welche unglaubliche Leistung hinter diesem unscheinbaren Punkt steckt.

Im 19. Jahrhundert wurde über Tausende von Kilometern (vom Schwarzen Meer bis nach Hammerfest) ein Netz von Vermessungspunkten aufgebaut, um Form und Grösse der Erde möglichst genau zu bestimmen. Ohne Satelliten, GPS oder elektronische Distanzmesser – dafür mit Theodoliten, präzisen Winkelmessungen, Mathematik und sehr viel Geduld.

Als Ingenieur kann ich nur staunen, mit welcher Genauigkeit damals gearbeitet wurde. Und hier oben im Finnmark kommt noch etwas dazu: die Vorstellung, all diese Geräte in diese Landschaft zu transportieren, Messpunkte einzurichten und über riesige Distanzen Sichtverbindungen herzustellen.

Danach wechseln wir vom Vermessen der Erde zu einem Material, das tief aus ihr herausgebrochen wird.

Im Pæskatun besuchen wir das Alta-Schieferwerk mit seinem Museum. Seit Generationen wird hier der dunkle Alta-Schiefer, eines der härtesten Schiefer,  gewonnen und verarbeitet – ein Material, das Dächer, Böden und Fassaden weit über Nordnorwegen hinaus prägt.

Und weil ein Tag erst vollständig ist, wenn auch noch Wasser dazukommt, geht Cornelia anschliessend im Hallenbad schwimmen.


Sautso: wunderschöne Landschaft mit schwieriger Geschichte

Am zweiten Tag zieht es uns auf den Sautso-Trail.

Der Weg führt wunderschön über die weite Hochebene. Der Himmel hängt tief, die Landschaft ist karg und offen – und überall sind Rentiere. Sehr viele Rentiere.

Am Ende führt der Trail ein Stück hinunter in Richtung Sautso Canyon. Plötzlich verändert sich die Landschaft: Aus der beinahe grenzenlosen Hochebene wird eine mächtige Schlucht.

Doch diese Landschaft hat noch eine zweite, weniger idyllische Seite.

Hier liegt das Wasserkraftwerk des Alta-Kautokeino-Flusssystems, dessen Planung Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre einen der grössten politischen Konflikte Norwegens auslöste. Frühe Ausbauvarianten hätten wesentlich grössere Gebiete überflutet und sogar das Sámi-Dorf Máze/Masi bedroht. Diese Pläne wurden später zwar verkleinert, doch auch das schliesslich realisierte Projekt griff in Gebiete ein, die für die traditionelle Rentierhaltung und die Sámi von grosser Bedeutung waren.

Dabei geht es nicht nur um die unmittelbar überflutete Fläche. Für die Rentierhaltung sind zusammenhängende Weidegebiete und jahrhundertealte Wanderrouten entscheidend. Ein Stausee, eine Strasse oder eine andere Barriere kann deshalb weit grössere Auswirkungen haben, als auf einer Landkarte zunächst sichtbar wird.

Der Widerstand wurde als Alta-Konflikt bekannt. Bei Stilla blockierten Sámi und Umweltschützer die Zufahrt zu den Bauarbeiten. In Oslo errichteten Sámi-Aktivisten vor dem Parlament ein Lavvu und traten in Hungerstreik. 1981 liess die norwegische Regierung die Blockade mit einem aussergewöhnlich grossen Polizeiaufgebot räumen.

Der Damm wurde trotzdem gebaut. Im engen Sautso-Canyon entstand die rund 145 Meter hohe Staumauer, dahinter der Stausee Virdnejávri.

Politisch verloren die Gegner damals ihren unmittelbaren Kampf – gesellschaftlich aber veränderten sie Norwegen.

Der Alta-Konflikt führte dazu, dass die Rechte der Sámi erstmals im ganzen Land intensiv diskutiert wurden. In den folgenden Jahren wurden ihre Rechte gesetzlich und verfassungsrechtlich stärker verankert, und 1989 trat erstmals das norwegische Sámi-Parlament zusammen.

Damit schliesst sich für uns beinahe ein Kreis: Erst vor wenigen Tagen standen wir in Karasjok vor genau diesem Parlament. Jetzt wandern wir durch jene Landschaft, deren Bedrohung wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Sámi politisch eine stärkere Stimme erhielten.

Und während wir darüber nachdenken, ziehen überall um uns herum Rentiere über die Hochebene.

Plötzlich sind sie nicht mehr nur wunderschöne Fotomotive. Sie erzählen auch von einer Lebensform, die auf diese Weite und auf die Möglichkeit angewiesen ist, sich darin frei bewegen zu können.

Ein altes Fahrrad und ein Paar Krücken

Doch die Erinnerung dieses Tages liefert nicht nur die grosse Geschichte.

Unterwegs begegnen wir einem jungen deutschen Paar. Sie geht an Krücken. Er schiebt ein altes Fahrrad, das weniger als Fortbewegungsmittel dient denn als improvisierter Lastesel. Zelt, Matten, Schlafsäcke und alles, was man für mehrere Tage draussen braucht, sind irgendwie darauf festgebunden.

Ein etwas skurriles Bild – und gleichzeitig eines, das Respekt verdient.

Wir nehmen ihnen einen Teil des Gepäcks ab und tragen es bis zum Parkplatz. Keine grosse Sache. Aber vielleicht sind es gerade solche kleinen Begegnungen, die von einer Reise besonders lange bleiben.

So zeigt uns Alta gleich mehrere Gesichter: die moderne Stadt am Fjord, die Präzision der alten Vermessungsingenieure, den Schiefer unter unseren Füssen, die politische Geschichte der Sámi und die unendliche Weite der Finnmark-Hochebene.

Und irgendwo dazwischen ein altes Fahrrad, ein Paar Krücken und vier Menschen, die für ein Stück des Weges gemeinsam unterwegs sind.

 

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