Vom Eis zum Kornfeld
10.9.26 Wir verlassen Bodø mit einem Gedanken im Gepäck, der uns inzwischen immer häufiger begleitet:

Wie wäre es wohl, hier einmal den Winter zu erleben? Für 2028/2029 entsteht langsam eine Idee: Bodø – Alta – Berlevåg, an jedem Ort einige Wochen bleiben, den hohen Norden nicht nur bereisen, sondern für eine Weile darin leben. Dunkelheit, Schnee, Sturm und Nordlicht statt Mitternachtssonne.
Kaum sind wir unterwegs, gibt es einen unerwarteten Abschiedsgruss: Nahe der Strasse steht ein junger Elchbulle.



Er flüchtet nicht, sondern beobachtet uns aufmerksam – mindestens so neugierig, wie wir ihn betrachten.
Die Fahrt führt uns weiter durch die grossartige Landschaft Helgelands.




Berge steigen unmittelbar aus den Fjorden, Wasser und Fels wechseln sich ab, und nahe dem Svartisen, Norwegens zweitgrösstem Gletscher, liegt noch einmal diese gewaltige nordische Landschaft vor uns.


Am nächsten Tag geht es mit der Fähre von Jektvik nach Kilboghamn. Mitten auf dem Melfjord überqueren wir dabei den Polarkreis – diesmal nicht auf einer Strasse, sondern auf dem Wasser.



Irgendwo bei 66°33′ Nord lassen wir die Arktis hinter uns. Kein Schlagbaum, keine Grenze, nur Meer, Berge und ein unsichtbarer Breitengrad.
Wir übernachten in Nesna und setzen am nächsten Morgen mit der Fähre nach Levang über. Unser nächstes Ziel ist Mosjøen.


Besonders schön ist die Sjøgata, eine aussergewöhnlich gut erhaltene historische Strasse mit Holzhäusern und ehemaligen Lagerhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie erinnert daran, wie stark Handel, Fischerei und das Leben am Wasser diese kleinen nordnorwegischen Städte geprägt haben.




Dann wartet noch eine sportliche Aufgabe auf uns: die Helgelandstrappa. 4'125 Steinstufen führen hinauf auf den Øyfjellet. Rund 818 Höhenmeter liegen zwischen unten und oben.

Die von Sherpas gebaute Treppe zieht sich scheinbar endlos den Berg hinauf – anstrengend, aber mit jedem Schritt öffnet sich der Blick weiter über Mosjøen, den Vefsnfjord und die umliegenden Berge.
Und irgendwann merken wir, dass sich Norwegen verändert.


Die schroffen Berge werden niedriger, die Gletscher verschwinden, die Täler werden weiter. Zwischen den Fjorden tauchen plötzlich grosse Bauernhöfe und Kornfelder auf. Nach Wochen zwischen Fels, Tundra, Rentieren und kargen Küsten wirkt dieses Grün beinahe fremd. Wir sind noch immer in Norwegen – und doch scheint eine andere Welt begonnen zu haben.
In Verdalsøra beziehen wir unser Quartier bei Henriette auf einem Bauernhof mit Pferden. Ein schöner Kontrast zu den vergangenen Wochen: statt Möwen, Meer und nacktem Fels nun Pferde, Felder und bäuerliches Leben.
Wir fahren weiter nach Süden. Und vielleicht ist es gerade dieser langsame Wandel, der das Reisen auf dem Landweg so schön macht: Landschaften enden nicht plötzlich. Sie gehen ineinander über – fast unmerklich, bis man eines Tages zurückblickt und feststellt, wie weit man bereits gekommen ist.



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