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Beton 1964 – Holz 2024

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12. Sept.
3 Min. Lesezeit

12.9.26 Wir fahren von Verdal nach Kristiansund – eine lange, aber ausgesprochen schöne Reise durch eine Landschaft, die uns einmal mehr zeigt, wie abwechslungsreich Norwegen ist.

In Kristiansund besuchen wir zuerst die Kirkelandet Kirche.

Schon von aussen ist sie ungewöhnlich: kein traditioneller Kirchenbau, sondern eine fast skulpturale Konstruktion aus weissem Beton. Die heutige Kirche wurde 1964 nach Plänen des Architekten Odd Østbye eingeweiht. Ihre Vorgängerin, eine grosse Holzkirche, war bei der deutschen Bombardierung Kristiansunds im April 1940 vollständig abgebrannt. Østbyes Wettbewerbsentwurf trug den schönen Namen «Bergkrystall i roser» – Bergkristall in Rosen. Die Kirche sollte wie ein heller Kristall aus ihrer Umgebung herausragen.

Sie gilt heute als eines der bedeutenden Beispiele moderner norwegischer Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit.

Besonders eindrücklich ist die 30 Meter hohe Chorwand mit ihren 320 farbigen Glasfeldern von Gunnar S. Gundersen. Die Farben entwickeln sich von dunklen, erdigen Tönen hinauf zum Licht – Architektur, Kunst und Symbolik verschmelzen zu einem einzigen Raum. Und wir haben Glück: Zufällig findet gerade eine Konzertprobe statt. Die Musik erfüllt den hohen Betonraum und lässt uns die Kirche noch einmal auf eine ganz andere Weise erleben.

Danach steigen wir hinauf zum Varden, dem alten Aussichtsturm über der Stadt.

Von hier oben öffnet sich ein grossartiges 360-Grad-Panorama über Kristiansund, seine Inseln, den Atlantik und weit hinaus in die Küstenlandschaft. Man versteht von hier oben besonders gut, dass Kristiansund eigentlich weniger eine Stadt am Meer als vielmehr eine Stadt im Meer ist.

Wieder unten besuchen wir den alten Hafen. Zwischen alten Booten, Werkzeugen, Maschinen und Gegenständen aus der maritimen Vergangenheit kann man sich wunderbar verlieren.

Und mitten in dieser historischen Kulisse geraten wir unvermittelt in eine norwegische Hochzeit: Das Brautpaar nutzt den Hafen für sein Fotoshooting. Alte Boote, verwittertes Holz, Meer – und dazwischen Brautkleid und Festgesellschaft. Manchmal sind es gerade solche Zufälle, die einem Ort Leben geben.

Zum Schluss interessiert mich natürlich noch ein ganz anderes Bauwerk: der neue Campus Kristiansund direkt an der Kaikante von Devoldholmen.

Leider ist das Gebäude geschlossen, doch selbst von aussen ist es ein bemerkenswertes Beispiel zeitgenössischer norwegischer Baukultur. (Ich entlehne hier von PIR2 ein paar Innenaufnahmen.) Der von PIR2 entworfene erste Bauabschnitt wurde 2024 fertiggestellt und umfasst rund 20'500 Quadratmeter. Der Campus vereint Hochschulen, Forschung, Innovation und Unternehmen unter einem Dach.

Besonders spannend ist seine Konstruktion: Über dem Untergeschoss steht ein weitgehend sichtbares Holztragwerk aus Brettschichtholz und Massivholz. Stützen und Träger bestehen aus Brettschichtholz, die Geschossdecken und aussteifenden Kerne aus Massivholz. Im grossen Atrium wird die Konstruktion nicht versteckt, sondern bewusst zum Teil der Architektur – mit sichtbaren Stützen und Trägern sowie weit gespannten Treppen- und Brückenkonstruktionen. Genau jene Art von Holzbau, bei der Tragwerk und Architektur nicht getrennt gedacht werden.

Auch energetisch ist das Gebäude bemerkenswert. Meerwasser-Wärmepumpen nutzen die thermische Energie des unmittelbar angrenzenden Hafenbeckens, auf dem Dach erzeugen Solarmodule Strom. Das Gebäude erreicht Energieklasse A und war das erste Gebäude der Region mit der Zertifizierung BREEAM-NOR Excellent.

Interessant ist aber auch der städtebauliche Gedanke: Der Campus soll kein abgeschlossener Hochschulkomplex sein. Das Erdgeschoss mit Atrium, Gastronomie, Auditorium und Begegnungsräumen ist als Teil der Stadt gedacht; Plätze und Wege ziehen sich bis ans Wasser. Wissen, Arbeiten, Wohnen, Stadt und Hafen sollen ineinandergreifen. Selbst die farbigen Fassaden nehmen Bezug auf Kristiansund – auf die traditionell farbige Stadt und mit ihren dreieckigen Motiven sogar auf die Form der Klippfischgestelle.

So liegen an diesem Tag nur wenige Kilometer zwischen zwei völlig unterschiedlichen Zeugnissen norwegischer Baukultur: der radikalen Betonkirche von 1964 und dem nachhaltigen Holzbau des Campus von 2024.

Sechzig Jahre Baugeschichte – und beide Gebäude versuchen auf ihre Weise, ihrer Zeit eine Form zu geben.

 

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