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Malmö, Wallander und die Steine von Ale

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30. Sept.
3 Min. Lesezeit

Auf unserem Weg nach Südschweden und Schonen machen wir Halt in Malmö; und die Stadt überrascht uns.

Malmö wird immer wieder mit Kriminalität, Banden und Gewalt in Verbindung gebracht. Tatsächlich hatte die Stadt über Jahre erhebliche Probleme mit Schiessereien und organisierter Kriminalität. Aber das Bild ist differenzierter, als es manche Schlagzeile vermuten lässt. 2025 fühlten sich 63 Prozent der Malmöer auch abends allein draussen sicher; 2021 waren es erst 54 Prozent. Auch die Zahl der Schiessereien ist deutlich zurückgegangen: von 47 im Jahr 2018 auf 17 im Jahr 2025. Gleichzeitig bleiben Probleme bestehen; insbesondere die Zahl der Sprengstoffanschläge ist zuletzt wieder gestiegen. Malmö ist also weder die «gefährliche Stadt», als die sie manchmal dargestellt wird, noch eine Stadt ohne Probleme.

Was wir erleben, ist vor allem etwas anderes: Leben, Farben, Freundlichkeit, Verspieltheit und Weltoffenheit.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität Malmös. Die Stadt ist jung, international und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Gleichzeitig geht sie erstaunlich behutsam mit ihrer Geschichte um. Mittelalterliche Gassen, Renaissancehäuser und Plätze wie Lilla Torg stehen ganz selbstverständlich neben moderner Architektur. Und im ehemaligen Industrie- und Werftgebiet Västra Hamnen entstand ein neues, nachhaltiges Stadtquartier, überragt vom 190 Meter hohen Turning Torso.

Uns gefällt besonders dieser zarte Umgang mit Alt und Neu. Nichts scheint sich gegenseitig beweisen zu müssen. Historisches darf historisch bleiben, Neues darf neu sein – und dazwischen ist Platz für Menschen, Fahrräder, Grün, Kunst und ein wenig Verrücktheit.

Vielleicht ist das die schönste Überraschung Malmös: Eine Stadt, über die viel gesprochen wird und die sich, wenn man durch ihre Strassen geht, ganz anders anfühlt.

Danach fahren wir weiter nach Süden. Wir wohnen bei Linda, direkt am Meer – Schonen empfängt uns mit Weite, Wind und dieser eigenartigen Ruhe, die entsteht, wenn das Land langsam im Horizont der Ostsee verschwindet.


Auf den Spuren von Wallander

Heute besuchen wir Ystad.

Wer die Bücher von Henning Mankell gelesen hat, betritt die Stadt mit einer gewissen Vertrautheit. Irgendwo müsste gleich Kurt Wallander um die Ecke kommen – müde, etwas missmutig, in Gedanken bei einem Mordfall und vermutlich auf der Suche nach Kaffee und etwas Süssem.

Und tatsächlich begegnet uns Wallander überall.

Das alte Bahnhofsgebäude diente in den Verfilmungen als Polizeistation. Im Fridolfs Konditori, Wallanders Lieblingscafé, kann man sogar das nach ihm benannte Gebäck probieren. Dazu kommen das Hotel Continental und zahlreiche Strassen, Plätze und Häuser, die man aus Büchern und Filmen zu kennen glaubt. Ein offizieller Wallander-Führer beschreibt mehr als hundert solcher Orte in Ystad und Umgebung.

Dabei braucht Ystad Wallander eigentlich gar nicht, um schön zu sein. Die engen Kopfsteinpflastergassen, die farbigen Fachwerkhäuser und die Nähe zum Meer geben der Stadt eine warme, fast heitere Atmosphäre – ein bemerkenswerter Gegensatz zu den düsteren Geschichten, die Mankell hier angesiedelt hat.

Vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Die Wirklichkeit ist freundlicher als der Krimi.

Ein steinernes Schiff über dem Meer

Von Ystad fahren wir weiter nach Kåseberga, einem alten Fischerdorf an der Ostsee. Vom kleinen Hafen führt der Weg hinauf auf die Anhöhe über dem Meer.

Und dort liegt sie: Ales Stenar.

59 mächtige Steine bilden den Umriss eines gewaltigen Schiffes – 67 Meter lang und an der breitesten Stelle 19 Meter breit. Die Anlage wird meist in die Eisenzeit datiert und dürfte ungefähr 1'400 Jahre alt sein. Wer sie errichtet hat und vor allem weshalb, wissen wir bis heute nicht genau.

War es ein Grabmal? Ein Kultplatz? Oder tatsächlich eine Art Sonnenkalender? Die Ausrichtung der Steine zur Sonne hat immer wieder zu astronomischen Deutungen geführt. Sicher ist vor allem eines: Wir wissen es nicht. Und vielleicht macht gerade dieses Nichtwissen den Ort so faszinierend.

Man steht mitten in diesem steinernen Schiff, hoch über der Ostsee. Unter einem liegt Kåseberga mit seinem kleinen Hafen, vor einem nur Meer und Horizont. Wind zieht über das Gras, und für einen Moment scheint es durchaus vorstellbar, dass Menschen schon vor weit mehr als tausend Jahren genau hier standen und denselben Blick hinaus aufs Wasser hatten.

Auch Wallander kommt übrigens hierher. Bei Mankell und in den Verfilmungen ist Ales Stenar ein Ort, an den er sich zurückzieht, wenn er Ruhe braucht und seine Gedanken ordnen muss.

Das können wir gut verstehen.

Malmö, Ystad, Kåseberga – drei völlig verschiedene Gesichter Schonens: eine junge, weltoffene Stadt, ein kleines Städtchen zwischen Wirklichkeit und Literatur und schliesslich ein steinernes Schiff, das seit Jahrhunderten über die Ostsee zu fahren scheint, ohne sich auch nur einen Meter zu bewegen.

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