top of page

Deutschland: von Salz, Fachwerk und mittelalterlichen Mauern

tr7079
30. Sept.
4 Min. Lesezeit

23.9.26  An Cornelias Geburtstag verlassen wir Skandinavien. Bei ruhiger See bringt uns die Fähre hinüber nach Rostock. Bevor wir weiter nach Lüneburg fahren, machen wir noch einen Zwischenhalt in Lübeck – und damit in einer Stadt, deren Geschichte wie kaum eine andere mit dem Norden verbunden ist.

Über Jahrhunderte war Lübeck die «Königin der Hanse», eines mächtigen Bundes von Handelsstädten, dessen Verbindungen von Russland über Skandinavien bis weit nach Westeuropa reichten. Noch heute erzählt die Stadt von dieser Zeit des Handels, des Wohlstands und der selbstbewussten Kaufleute.

Schon das mächtige Holstentor mit seinen beiden etwas gedrungen wirkenden Türmen ist ein wunderbarer Auftakt. Dahinter öffnet sich die vollständig von Wasser umgebene Altstadtinsel mit ihren Backsteinkirchen, Kaufmannshäusern, schmalen Gassen und versteckten Höfen. Besonders schön sind gerade diese kleinen Gänge hinter den prächtigen Fassaden – einst dicht bewohnte Wohnquartiere der weniger wohlhabenden Bevölkerung. Rund 90 solcher historischen Gänge und Höfe sind bis heute erhalten geblieben. Seit 1987 gehört die Lübecker Altstadt zum UNESCO-Welterbe.

Über allem stehen die sieben Türme der fünf großen mittelalterlichen Kirchen, die Lübecks Silhouette unverwechselbar machen. Besonders eindrücklich ist die Marienkirche, deren gewaltiger Backsteinbau zum Vorbild zahlreicher gotischer Kirchen im gesamten Ostseeraum wurde. Gleich daneben liegt das Rathaus – begonnen bereits um 1230 – mit seinen dunklen Backsteinfassaden, kleinen Türmchen und Durchgängen.

Und natürlich begegnet man in Lübeck auch Thomas Mann. Das Haus seiner Großeltern in der Mengstraße wurde durch seinen Roman Buddenbrooks weltberühmt. So verbindet sich hier auf engem Raum vieles, was diese Stadt ausmacht: Handel und Reichtum, Backstein und Wasser, Literatur und Geschichte – und irgendwo dazwischen natürlich auch das berühmte Lübecker Marzipan.

Vielleicht gefällt uns Lübeck auch deshalb so gut: Nach den vielen Wochen im Norden wirkt die Stadt noch immer ein wenig nordisch. Das Wasser, die Backsteingotik und die jahrhundertealten Handelsbeziehungen nach Skandinavien erinnern daran, dass die Ostsee nie nur eine Grenze war, sondern vor allem eine Verbindung zwischen Menschen und Kulturen.


Lüneburg verdankt einen großen Teil seiner Geschichte einem Stoff, der heute völlig unspektakulär erscheint: Salz.

Über Jahrhunderte wurde unter der Stadt Sole gewonnen und in der Saline zu Salz verarbeitet. Das „weiße Gold“ machte Lüneburg reich und zu einem wichtigen Mitglied der Hanse. Noch heute lässt sich dieser Wohlstand an den prächtigen Bürgerhäusern und der norddeutschen Backsteinarchitektur ablesen.

Besonders schön sind der Marktplatz mit dem mächtigen Rathaus, die Gassen der Altstadt und das alte Hafenviertel am Fluss Ilmenau mit dem Stintmarkt und dem Alten Kran. Vom Wasserturm, 1907 zur Wasserversorgung der Stadt in Betrieb genommen, blickt man heute über ein erstaunlich geschlossenes Meer aus roten Ziegeldächern.

Für mich besonders spannend ist die westliche Altstadt. Dort stehen Häuser schief, Fassaden haben Risse, Mauern neigen sich gegeneinander. Ursache ist ausgerechnet jener Salzabbau, der die Stadt einst reich machte: Durch die jahrhundertelange Gewinnung des Salzes senkte sich stellenweise der Untergrund. So hat Lüneburg seine eigene Geschichte buchstäblich in die Häuser geschrieben.

Wir wohnen im Hotel Zum Roten Tore und genießen diese lebendige, gleichzeitig erstaunlich gemütliche Stadt.


Die „bunte Stadt“ Wernigerode

25.9.26 Weiter geht es nach Wernigerode am Nordrand des Harzes. Wir wohnen im Hotel Kräuterhof und tauchen in eine Altstadt ein, die beinahe ein wenig zu schön erscheint. Fachwerkhaus reiht sich an Fachwerkhaus, alles ist herausgeputzt, bunt, geschnitzt und dekoriert. Fast ein wenig kitschig – aber auf eine ausgesprochen liebenswerte Art.

Nicht umsonst wurde Wernigerode schon als „bunte Stadt am Harz“ bezeichnet. Besonders eindrücklich ist das Rathaus am Marktplatz mit seinen beiden schlanken Türmchen. Seine heutige Gestalt entwickelte sich aus einem mittelalterlichen Spielhaus; der charakteristische Fachwerkbau entstand im Wesentlichen Ende des 15. Jahrhunderts. Dazu kommen das „Schiefe Haus“, das „Kleinste Haus“ und unzählige reich verzierte Fachwerkfassaden.

Über allem thront das Schloss Wernigerode. Aus einer mittelalterlichen Burg entwickelte sich über Jahrhunderte eine repräsentative Schlossanlage, die im 19. Jahrhundert nochmals stark im historistischen Stil umgestaltet wurde. Vielleicht trägt gerade dieses Zusammenspiel von Schloss, Fachwerk, engen Gassen und Harzkulisse dazu bei, dass man gelegentlich meint, durch die Kulisse eines Märchenfilms zu spazieren.

Und doch ist es keine Kulisse. Hinter den hübschen Fassaden steckt eine Stadt mit über 900 Jahren Geschichte.


26.9.26 Durch Heide und Harz fahren wir weiter nach Rothenburg ob der Tauber. Noch einmal erwartet uns ein Ort, der auf den ersten Blick beinahe unwirklich erscheint.

Rothenburg ist heute eines der bekanntesten historischen Stadtbilder Deutschlands – mit entsprechend vielen Besuchern. Und trotzdem empfängt uns die Stadt charmant. Vielleicht muss man nur ein paar Schritte von den meistfotografierten Stellen weggehen, um hinter der touristischen Bühne wieder die eigentliche Stadt zu entdecken.

Rothenburg war einst eine bedeutende freie Reichsstadt. Noch heute umschließt eine rund vier Kilometer lange Stadtbefestigung die Altstadt; zahlreiche Türme, Tore und ein weitgehend begehbarer Wehrgang prägen das Stadtbild. Marktplatz und Rathaus, das berühmte Plönlein, das Burgtor und die St.-Jakobs-Kirche gehören zu den bekanntesten Orten. In St. Jakob befindet sich mit dem Heilig-Blut-Altar zudem ein bedeutendes Werk des Bildschnitzers Tilman Riemenschneider.

Interessant ist, dass Rothenburgs mittelalterliches Erscheinungsbild keineswegs einfach unversehrt durch die Jahrhunderte gekommen ist. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurden bei einem amerikanischen Luftangriff rund 45 Prozent des alten, von der Stadtmauer umschlossenen Stadtgebietes zerstört. Der behutsame Wiederaufbau nach dem Krieg trägt wesentlich dazu bei, dass Rothenburg heute wieder so geschlossen erscheint.

Der Tourismus wiederum gehört schon viel länger zur Stadtgeschichte. Im 19. Jahrhundert entdeckten Künstler, Schriftsteller und Reisende Rothenburg als Idealbild einer „alten deutschen Stadt“. Mit dem Eisenbahnanschluss 1873 wurde es zunehmend zum internationalen Reiseziel. Der Tourismus, den wir heute als beinahe übermächtig empfinden, hat also selbst bereits eine erstaunlich lange Geschichte.

Umso schöner ist die Aussage eines Einheimischen: Ab Neujahr bis Ende März gehört Rothenburg wieder den Rothenburgern. Dann verschwinden die großen Besucherströme, die Gassen werden still und hinter der berühmten mittelalterlichen Kulisse kommt wieder jene kleine fränkische Stadt zum Vorschein, in der Menschen ganz einfach ihren Alltag leben.

Vielleicht ist genau das das Schönste an diesen drei Tagen: Lüneburg, Wernigerode und Rothenburg zeigen uns drei vollkommen unterschiedliche Gesichter historischer Städte. Lüneburg erzählt von Salz, Handel und Hanse, Wernigerode von Fachwerk, Harz und beinahe märchenhafter Farbenfreude – und Rothenburg davon, wie eine Stadt über Jahrhunderte zu einem Bild werden kann, das Menschen aus aller Welt sehen wollen. Und wir? Wir dürfen für ein paar Tage hindurchspazieren.


Fünf Monate und über 20'000 km sind wir gereist, unfallfrei, glücklich, entdeckend und geniessend. In der letzten Autobahn-Kapelle halten wir inne und sind dankbar.


Kommentare


bottom of page