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Ein bisschen Blau im Rost – die Geschichte der Sandra B

tr7079
24. Aug.
2 Min. Lesezeit

24.8.26 Draußen bei Lyngstuva, ganz im Norden der Lyngenhalbinsel, liegt zwischen Felsen und Meer das, was von einem alten Schiff übriggeblieben ist. Kein stolzes Wrack mehr, das aufrecht in der Brandung steht – vielmehr ein großes Puzzle aus verbogenen Stahlplatten, Spanten und rostigen Trümmern.

Natürlich macht mich so etwas neugierig.

Wir klettern zwischen den Überresten herum, betrachten Konstruktion, Nieten, Schweißnähte und Stahlplatten. Irgendwo entdecke ich zwei Zeichen, in den Stahl geschlagen oder eingeritzt. „TI“? „T1“? Selbst auf den Fotos lässt es sich nicht eindeutig erkennen.

Dann fällt etwas anderes auf: Farbe.

Unter all dem Rost haben sich an einigen Stellen erstaunlich deutliche Reste eines hellen Blau bis Türkisblau erhalten. Nach Jahrzehnten an dieser rauen Küste ist noch immer zu erkennen, dass dieses Schiff einmal alles andere als rostbraun gewesen sein muss.

Und damit beginnt unsere kleine Detektivgeschichte.

Die Spuren führen zu einem norwegischen Fischereifahrzeug namens SANDRA B, IMO 6704361. Gebaut wurde das Schiff 1967 bei Eidsvik Skipsbyggeri in Uskedal. Es hatte 165 Bruttoregistertonnen und war rund 30 Meter lang.

Noch interessanter ist sein früherer Name: ROBERTSEN.

Fast sein gesamtes Arbeitsleben fuhr das Schiff unter diesem Namen. Erst im Februar 1990 wurde aus der Robertsen die Sandra B. Und ausgerechnet noch im selben Jahr endete ihre Fahrt hier oben bei Lyngstuva.

Im Dezember 1990 lief die Sandra B an dieser einsamen Küste auf Grund. Nach den lokalen Überlieferungen konnte die Besatzung gerettet werden. Das Schiff jedoch blieb zurück.

Und es liegt noch heute hier.

Wind, Salzwasser, Eis und die Brandung arbeiten seither an ihm. Aus einem Fischereischiff wurde langsam ein Gerippe. Ganze Bereiche sind verschwunden, Stahlplatten wurden auseinandergerissen und über die Felsen verteilt. Was 1990 noch ein Schiff war, wird irgendwann vollständig Teil dieser Küste sein.

Fotos aus dem Jahr 2012 dokumentieren die Überreste ausdrücklich als SANDRA B, ex ROBERTSEN, gestrandet bei Lyngstuva. Damit passen Fundort, Schiffstyp und die Form der erhaltenen Teile erstaunlich gut zu dem Wrack, vor dem wir stehen.

Nur ein kleines Rätsel bleibt: das Blau.

Bislang haben wir noch kein altes Foto der Robertsen aus ihrer aktiven Zeit gefunden. Vielleicht existiert irgendwo in einem norwegischen Werft-, Fischerei- oder Familienarchiv noch eine Aufnahme: die Robertsen im Hafen, beim Auslaufen oder mit Fang an Deck.

Und vielleicht ist darauf ein blauer Rumpf zu sehen.

Dann wären diese unscheinbaren Farbteilchen zwischen Rost und abgeplatztem Stahl tatsächlich so etwas wie der Fingerabdruck eines Schiffes, das vor fast sechzig Jahren gebaut wurde und seit mehr als drei Jahrzehnten hier draußen liegt.

Auch unser geheimnisvolles „TI“ oder „T1“ ist noch nicht entschlüsselt. Vielleicht eine Werftmarkierung, eine Kennzeichnung einer Stahlplatte oder etwas ganz anderes. Manchmal ist es aber gerade schön, wenn eine Geschichte nicht sämtliche Geheimnisse preisgibt.

Wir kamen eigentlich nur zu einem alten Wrack.

Und plötzlich standen wir vor der Sandra B, die einmal Robertsen hieß, 1967 in einer kleinen norwegischen Werft gebaut wurde, mehr als zwanzig Jahre zur See fuhr und schließlich im Dezember 1990 hier bei Lyngstuva ihre letzte Reise beendete.

Seitdem holt sich das Meer das Schiff zurück. Stück für Stück. Rost für Rost. Nur ein bisschen Blau widersetzt sich noch.

 

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