Ein stiller Riese am Strand von Berlevåg
Manchmal liegen die überraschendsten Entdeckungen einfach am Wegesrand – oder in diesem Fall zwischen Steinen und Tang an der Küste von Berlevåg.

Schon von weitem erkennen wir die Überreste eines größeren Tieres. Beim Näherkommen wird klar: Hier liegt das Skelett eines Wals. Und obwohl die Verwesung bereits weit fortgeschritten ist, haftet noch reichlich Gewebe an den Knochen. Der Geruch ist entsprechend bestialisch – unsere Neugier allerdings zunächst stärker.
Also wird gemessen und fotografiert.



Der Schädel ist etwa 65 bis 70 Zentimeter lang, die runden Wirbelkörper haben einen Durchmesser von ungefähr 8,5 Zentimetern. Besonders auffällig ist der vollständig zahnlose Unterkiefer. Damit führt die Spur zu einem Bartenwal. Auch der langgestreckte Schädel und die Form der Wirbel passen zu einem Vertreter der Furchenwale.
Ein besonders schönes Detail findet sich an den Wirbeln: Ihre Endflächen zeigen ausgeprägte radiale Strukturen. Offenbar waren die Wirbelepiphysen noch nicht vollständig mit den Wirbelkörpern verwachsen – ein deutlicher Hinweis darauf, dass dieses Tier noch sehr jung und nicht ausgewachsen war.



Nach den Proportionen des Kadavers schätze ich die Länge von der Kopfspitze bis zum Ende der Wirbelsäule auf ungefähr 2,5 Meter. Mit der Schwanzregion dürfte der kleine Wal zu Lebzeiten etwa drei Meter gemessen haben.
All diese Hinweise ergeben zusammen ein erstaunlich stimmiges Bild: Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um das Kalb eines Nördlichen Zwergwals (Balaenoptera acutorostrata), möglicherweise noch nahe am Geburtsalter. Zwergwale kommen bereits mit ungefähr zweieinhalb Metern Länge zur Welt und sind die kleinsten Furchenwale der nördlichen Meere.

Der Fund macht uns nachdenklich. Vor uns liegen die Überreste eines Tieres, das vermutlich noch ganz am Anfang seines Lebens stand. Warum es gestorben ist und wie es hier an die Küste gelangte, bleibt sein Geheimnis.
Wir lassen es dort zurück, wo das Meer es abgelegt hat – zwischen Tang, Steinen und den Spuren der Gezeiten.



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