In den Lyngenalpen, vom Verteidigungsbunker zum Whiskylager
23.8.26 Von Alta nach Lyngseidet wählen wir den Landweg. Er ist zwar länger, dafür führt er uns durch eine großartige Landschaft und schenkt uns immer wieder Ausblicke auf die Lyngenalpen.




Heute verstecken sich deren schroffe Gipfel teilweise hinter Wolken und Dunst – schade, denn bei klarer Sicht muss dieses Gebirge gewaltig wirken. Aber auch so hat die Fahrt ihren ganz eigenen Reiz.
Solhov – ein Schloss aus Holz und voller Geschichte

Etwas südlich von Lyngseidet steht ein Haus, das man kaum übersehen kann: Solhov, ein gewaltiger Holzbau, fast ein Schloss vor der Kulisse der Lyngenalpen. Mit rund 3.000 Quadratmetern gilt es als größtes Holzgebäude Nordnorwegens. Die Schule wurde 1912 gegründet, der monumentale Hauptbau entstand 1923/24.
Ursprünglich war Solhov eine Schule für die Jugend Nord-Troms. Ihre Geschichte hat allerdings zwei Seiten. Sie brachte Bildung in eine abgelegene Region, war aber zugleich Teil einer Zeit, in der Samen und Kvenen sprachlich und kulturell stärker in die norwegische Gesellschaft integriert – beziehungsweise „norwegisiert“ – werden sollten. Wie stark Solhov selbst dabei als Instrument dieser Politik wirkte, wird bis heute unterschiedlich beurteilt.


1987 wurde die Folkehøgskole geschlossen. Danach erlebte das riesige Haus die unterschiedlichsten Nutzungen, stand zeitweise leer und war schließlich kaum mehr zu verkaufen. 2012 geschah etwas Besonderes: Ingunn Rivertz, die Urenkelin von Peter Rivertz, der das Grundstück hundert Jahre zuvor dem Staat überlassen hatte, kaufte Solhov zurück. Gemeinsam mit ihrem Mann Mathieu Blein machte sie daraus das Gästehaus „Castle of the Lyngen Alps“.
Heute besuchen wir Solhov – und stellen fest, wie langsam das Internet manchmal ist. Auf zahlreichen Plattformen wird das Haus noch immer als Hotel oder Gästehaus geführt. Tatsächlich ist es inzwischen in Privatbesitz und bietet keine Zimmer mehr an, wie wir vor Ort erfahren.


Vielleicht passt gerade das gut zu diesem besonderen Haus: Solhov ist kein gewöhnliches Hotel, sondern ein Stück nordnorwegischer Geschichte – ein mächtiges Holzhaus, das seit mehr als hundert Jahren von Bildung, Politik, gesellschaftlichem Wandel und immer wieder neuen Nutzungen erzählt.
Und als Holzbauer stehe ich natürlich noch etwas länger davor als andere: So viel Holz, so viel Geschichte – da kann man nicht einfach vorbeifahren.
Unser Zuhause für die nächsten Tage könnte kaum schöner liegen: eine kleine Cabin direkt am Lyngenfjord, das Wasser unmittelbar vor der Tür und die Berge dahinter.

Am Abend bekommen wir sogar Besuch: Ein Otter taucht vor unserer Cabin auf und zieht durchs Wasser. Einer dieser kleinen Momente, die keine Planung braucht und die trotzdem hängen bleiben.




Doch der friedliche Ort hat eine überraschend militärische Vergangenheit.
Ein Berg voller Bunker

Schon bald entdecken wir überall im Gelände Eingänge, Betonstellungen und unterirdische Räume. Natürlich müssen wir hinein. Einige der Bunker sind erstaunlich gut erhalten, und erst beim Erkunden wird uns bewusst, wie stark dieser Berg befestigt worden sein muss.


Die Anlagen bei Årøybukt gehen auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Die deutsche Besatzungsmacht errichtete hier ein Küstenfort; dabei wurden auch sowjetische Kriegsgefangene unter äußerst harten Bedingungen eingesetzt.
Die größere strategische Geschichte dahinter ist die Lyngen-Linie. Als sich die deutschen Truppen im Herbst 1944 im Rahmen der Operation Nordlicht aus Finnmark und Nordfinnland zurückzogen, sollte im Raum Lyngen eine neue Verteidigungslinie entstehen. Sie sollte einen möglichen weiteren Vorstoß der Roten Armee nach Süden in Richtung Narvik verhindern. Die gewaltige natürliche Barriere aus Fjorden und steilen Bergen machte die Gegend dafür besonders geeignet.


Die Linie musste letztlich nie gegen sowjetische Truppen verteidigt werden.
Nach dem Krieg übernahm das norwegische Militär die Anlagen. Im Kalten Krieg blieb die strategische Idee erstaunlich ähnlich: Im Falle eines Angriffs aus dem Osten sollte ein Vormarsch möglichst in diesem schwer zugänglichen Gelände gestoppt werden. Das Fort von Årøybukt wurde weiter ausgebaut; aus dieser Zeit stammen auch Teile des weitläufigen Systems aus Tunneln und unterirdischen Anlagen, durch das wir heute laufen.
Ein seltsames Gefühl: Draußen liegen Fjord und Berge vollkommen friedlich vor uns – und wenige Meter weiter verschwindet man in Beton und Dunkelheit.
Vom NATO-Gelände zum Whisky



Und dann nimmt die Geschichte eine ausgesprochen sympathische Wendung.
Auf dem ehemaligen Militärgelände befindet sich heute die Aurora Spirit Distillery – nach eigenen Angaben die nördlichste Whisky-Destillerie der Welt, auf rund 69° Nord.
Die Idee entstand nach einer Reise der Gründer auf die schottische Whiskyinsel Islay. 2015 begannen die Planungen, im Sommer 2016 wurde die Destillerie eröffnet. Unter der Marke Bivrost entstehen hier Whisky, Gin, Aquavit, Vodka und andere Spirituosen. Das Wasser dafür kommt aus den Gletschern der Lyngenalpen.
Auch der Name Bivrost passt wunderbar hierher. In der nordischen Mythologie bezeichnet Bifröst die Brücke zwischen der Welt der Menschen und jener der Götter – Aurora Spirit verbindet sie mit dem Nordlicht.
Und selbst die alten militärischen Anlagen bekamen zeitweise ein friedlicheres zweites Leben: 2017 wurden die ersten Whisky- und Aquavitfässer in einem ehemaligen NATO-Bunker eingelagert. Später entstand dafür ein eigenes „Viking Warehouse“.
Unsere Cabins kamen 2019 hinzu und wurden Anfang 2020 eröffnet.
So liegen an diesem kleinen Stück Lyngenfjord mehrere Zeitschichten unmittelbar nebeneinander: deutsche Küstenbefestigung, Kalter Krieg und NATO, eine moderne Whisky-Destillerie – und unsere kleine Cabin am Meer.
Wo früher Soldaten durch unterirdische Gänge liefen und man sich auf einen Krieg vorbereitete, lagern Jahrzehnte später Whiskyfässer.
Und draußen schwimmt ein Otter vorbei, kommt später sogar noch an Land.
Mir gefällt die heutige Nutzung eindeutig besser.
Heute zieht es uns hinaus ans äusserste Ende der Lyngenhalbinsel. Von Nord-Lenangen wandern wir zum kleinen Lyngstuva-Leuchtturm, dort, wo sich die Landschaft langsam im Meer verliert.



Der Himmel ist nicht ganz klar, Wolken hängen über den Bergen und nehmen der Aussicht etwas von ihrer Weite – doch der Landschaft überhaupt nichts von ihrer Schönheit. Im Gegenteil: Das gedämpfte Licht passt zu dieser rauen nordnorwegischen Küste. Meer, Felsen, niedrige Vegetation und die mächtigen Berge der Lyngenalpen bilden eine Kulisse, an der man sich kaum sattsehen kann.
Unterwegs begegnen uns wieder Rentiere, die hier beinahe selbstverständlich zur Landschaft gehören. Einen Elch bekommen wir zwar auch heute nicht zu Gesicht – dafür sorgt ein Otter für eine kleine Überraschung: Er huscht direkt vor uns über die Strasse. Vielleicht sogar die schönere Begegnung, weil wir damit überhaupt nicht gerechnet haben.
Etwa 500 Meter rechts vom Leuchtturm entdecken wir schliesslich etwas ganz anderes: Zwischen Felsen und Meer liegen die Überreste eines alten Wracks.

Verrostetes Metall, Farbreste und einzelne Bauteile lassen noch erahnen, dass hier einmal ein Schiff sein Ende gefunden hat. Natürlich weckt der Fund sofort meine Neugier – aber diese Geschichte verdient einen eigenen Blog.
So bleibt von dieser Wanderung vor allem das Gefühl, ganz weit draussen zu sein: am Ende einer Halbinsel, zwischen Bergen und Meer, begleitet von Rentieren, einem flüchtenden Otter – und einem geheimnisvollen Wrack am Ufer.






Kommentare