Sørøya: wo die Stille Geschichten erzählt
Aktualisiert: 24. Aug.
21.8.26 Heute früh brechen wir auf nach Sørøya, jener grossen, zerklüfteten Insel weit draussen vor der Küste der Finnmark.





Von Øksfjord bringt uns die Fähre nach Hasvik – und schon die Überfahrt vermittelt dieses Gefühl, noch ein Stück weiter hinauszufahren.



Unsere erste Wanderung heisst Sørvær Andotten. Ein eindrücklicher Weg entlang der Klippen, über karge Hänge und hoch über dem Meer. Die Landschaft ist weit und beinahe menschenleer – dafür begegnen uns auf Sørøya immer wieder Rentiere und einige Hasen.






In Sørvær suchen wir auch nach einem Relikt jüngerer Geschichte: dem weithin bekannten Wrack des sowjetischen Kreuzers Murmansk.

Das Kriegsschiff war 1994 auf dem Weg zur Verschrottung im Sturm losgerissen und hier auf Grund gelaufen. Jahrelang lag der riesige rostende Koloss unmittelbar vor Sørvær und wurde zu einer eigenartigen Sehenswürdigkeit. Nur: Wir kommen zu spät. Die Murmansk wurde längst zerlegt und vollständig entfernt. Wo auf alten Bildern noch ein gewaltiges Kriegsschiff aus dem Meer ragt, ist heute – nichts mehr.

Sehr viel tiefer berührt uns dagegen eine Geschichte, deren Spuren noch vorhanden sind: Kvithellhula.






Im Herbst 1944 befahl die deutsche Besatzungsmacht die Zwangsevakuierung der Finnmark. Beim Rückzug der Wehrmacht sollten Häuser, Boote und Infrastruktur zerstört werden – die Politik der «verbrannten Erde». Doch viele Bewohner Sørøyas weigerten sich, ihre Heimat zu verlassen. Sie versteckten sich in Höhlen, Felsspalten und einfachen Unterständen und versuchten, den arktischen Winter zu überleben.
In Kvithellhula lebten ab dem 9. November 1944 35 Menschen während 99 Tagen. Familien mit Kindern verbrachten hier den Winter, verborgen vor den deutschen Truppen. Wenn man heute in dieser niedrigen, feuchten und dem Meer ausgesetzten Höhle steht, ist kaum vorstellbar, wie Menschen hier über drei Monate leben konnten. Selbst Weihnachten wurde gefeiert: Aus Wacholderzweigen und einem Besenstiel bauten sie sich einen kleinen Weihnachtsbaum.
Eine Geschichte, die wir zunächst mit Sørøya in Verbindung gebracht hatten, gehört dagegen an einen anderen Ort der Finnmark. Ein deutscher Offizier soll sich mit der einheimischen Bevölkerung angefreundet und dazu beigetragen haben, dass ein Dorf nicht zerstört wurde. Inzwischen kennen wir seinen Namen und auch den richtigen Ort: Peter Paul Flach, deutscher Leutnant und Kommandant einer Küstenbatterie bei Bugøynes im Osten der Finnmark.
Als sich die deutschen Truppen 1944 zurückziehen mussten, brauchte Flach die einheimischen Fischer und ihre Boote, um seine rund 120 Soldaten abzutransportieren. Es kam offenbar zu einer Vereinbarung: Die Fischer halfen beim Abtransport der Soldaten – dafür blieben ihre Boote und Bugøynes von der Zerstörung verschont.
Ob Flach damit tatsächlich einen ausdrücklichen Befehl Hitlers verweigerte, lässt sich historisch nicht zweifelsfrei belegen. Sicher ist jedoch, dass Bugøynes im Gegensatz zu fast allen anderen Orten der Finnmark nicht niedergebrannt wurde und dass Flach ein ungewöhnlich gutes Verhältnis zur Bevölkerung gehabt haben muss. Als er 1961 mit seiner Familie nach Bugøynes zurückkehrte, wurde er von den Bewohnern herzlich empfangen. 2024, achtzig Jahre nach den Ereignissen, wurde in Bugøynes ein Denkmal eingeweiht, das auch an Peter Paul Flach erinnert.

Am 13. Februar 1945 verliessen die Bewohner Kvithellhula ihr Versteck. Wenige Tage später wurden sie zusammen mit Hunderten anderen Menschen, die sich auf Sørøya verborgen gehalten hatten, von alliierten Kriegsschiffen aufgenommen und über Murmansk nach Schottland gebracht.
Wir verlassen die Höhle und fahren weiter durch eine Landschaft, die heute wieder vollkommen friedlich wirkt. Rentiere ziehen neben der Strasse vorbei, Hasen verschwinden im Gelände, das Meer liegt dunkel zwischen den Bergen.
Und zum Abschluss des Tages gehört natürlich noch ein Bad dazu. In Hasvik steige ich ins Meer.


Die Wassertemperatur schätze ich auf etwa 4 Grad.
Nach der Geschichte von Kvithellhula fühlt sich diese Kälte allerdings für einen kurzen Moment ziemlich relativ an.



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