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Von Seeadlern, einer Höhle und einem Gedanken an den Winter

tr7079
12. Aug.
3 Min. Lesezeit

12.8.26 Heute fahren wir nach Kongsfjord 

und wandern auf Veines hinaus zur Vogelbeobachtungshütte. Die Landschaft ist weit und still, Meer, Fels und Tundra gehen beinahe nahtlos ineinander über. Und über uns spielt sich ein kleines Naturschauspiel ab:

Wir beobachten vier Seeadler und sogar einen Gerfalken. Ein wunderbarer Auftakt zu einem Tag, der uns noch lange beschäftigen wird.


Danach besuchen wir Linda Daldoff im Kafe Velferden. Linda ist eine jener Menschen, bei denen aus einem kurzen Besuch schnell ein langes Gespräch wird. Sie erzählt uns vom Leben hier oben – und von einer Höhle unweit von Berlevåg.

Im Herbst 1944 befahl die deutsche Besatzungsmacht die Zwangsevakuierung der Bevölkerung Finnmarks und Nord-Troms. Beim Rückzug sollte möglichst wenig zurückbleiben, was dem Gegner hätte dienen können: Häuser, Infrastruktur und ganze Ortschaften wurden im Rahmen der sogenannten «verbrannten Erde» zerstört.

Auch Berlevåg traf es schwer. Nach Angaben des örtlichen Museums wurden 1'140 Menschen aus der Gemeinde zwangsevakuiert. Rund 450 Menschen widersetzten sich jedoch der Evakuierung. Einige flohen nach Kongsfjord, andere versteckten sich in Höhlen und natürlichen Felsspalten.

Linda zeigt uns, von der Strasse aus, den Eingang zu einer solchen Höhle.

Von aussen ist kaum etwas zu erkennen. Ein kleines dunkles Loch am Fuss einer mächtigen Felswand, fast vollständig von der Vegetation verborgen. Später kehre ich zurück und steige hinein, kriechend. Der schmale Eingang öffnet sich zu einem überraschend langen, stellenweise fast gangartigen Felsspalt. Das Gestein ist feucht, der Boden voller loser Steine. An einzelnen Stellen liegen noch Holzreste. Ob sie tatsächlich aus der Kriegszeit stammen, weiss ich nicht – genau das möchte ich nun im Museum von Berlevåg herausfinden.

Ich leuchte mit der Lampe in die Dunkelheit und versuche mir vorzustellen, was es bedeutet haben muss, hier Schutz zu suchen.

Nicht für eine Stunde. Nicht als neugieriger Besucher. Sondern möglicherweise über Tage oder Wochen – während draussen der arktische Winter begann und das eigene Dorf zerstört wurde.

Plötzlich bekommt der nüchterne Satz, Menschen hätten sich 1944 «in Höhlen versteckt», eine vollkommen andere Bedeutung. Hier unten sind Kälte, Feuchtigkeit und Dunkelheit unmittelbar spürbar. Wie haben die Menschen geschlafen? Wie haben sie geheizt? Woher kamen Wasser und Nahrung? Wie konnten Familien mit Kindern hier ausharren, ohne entdeckt zu werden?

Ich empfinde diesen Ort als eindrücklich und bedrückend zugleich. Geschichte ist hier keine Jahreszahl und kein Text auf einer Museumstafel. Für einen Moment bekommt sie einen Raum, eine Temperatur, einen Geruch und eine Dunkelheit.

Ich fotografiere, berühre aber nichts. Mit den Bildern werde ich ins Museum gehen. Vielleicht lässt sich herausfinden, ob genau diese Höhle dokumentiert ist, ob sie einen Namen trägt und vielleicht sogar, welche Menschen hier Zuflucht gesucht haben.

Doch die Begegnung mit Linda führt uns noch in eine ganz andere Richtung.

Sie ist Krankenschwester und erzählt, dass hier oben immer wieder Unterstützung gebraucht wird – etwas, bei dem Cornelia durchaus gefragt wäre. Und als Linda erfährt, dass ich Holzbauer bin, kommt auch das Kjølnes Fyr ins Gespräch. Bei der Renovation des Leuchtturms durch Arctic Aurora AS könnte offenbar auch meine Erfahrung mit Holz und Konstruktionen willkommen sein.

Da schauen Cornelia und ich uns an.

Seit einigen Tagen sprechen wir darüber, wie es wohl wäre, einmal ein paar Wintermonate hier oben zu verbringen. Nicht als Feriengäste. Sondern hier zu wohnen, mitzuarbeiten und ein wenig Teil dieses Lebens zu werden. Zu erfahren, wie sich Berlevåg anfühlt, wenn die Mitternachtssonne längst verschwunden ist, Schnee über der Landschaft liegt und die Winterstürme von der Barentssee kommen.

Heute ist dieser Gedanke ein kleines Stück konkreter geworden.

Vielleicht sind es am Ende gar nicht die spektakulären Landschaften, die einen Ort besonders machen.

Vielleicht sind es die Menschen, denen man dort begegnet – und die Türen, die sie einem öffnen.

Heute hat Linda uns eine solche Tür geöffnet. Im wahrsten Sinne des Wortes führte sie zunächst an eine dunkle Höhle. Und vielleicht gleichzeitig ein kleines Stück in eine mögliche Zukunft.

 

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