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Wenn die Reise leiser wird

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16. Sept.
3 Min. Lesezeit

13.–16.09. 2026  Bei Regen verlassen wir Kristiansund. Vor uns liegt noch einmal eine der berühmtesten Strassen Norwegens: die Atlantikstrasse.

Bei diesem Wetter zeigt sie allerdings zunächst wenig von ihrer fotogenen Seite. Also warten wir geduldig auf ein paar Sonnenstrahlen – und drehen sogar noch einmal kurz um, um die Brücken, Inseln und das Meer doch noch in etwas freundlicherem Licht festzuhalten.

Dann geht es weiter nach Molde und Åndalsnes, vorbei an den Trollstigen und hinauf nach Bjorli.

Die Landschaft verändert sich. Das dramatische Westnorwegen mit seinen Fjorden und steilen Bergen liegt langsam hinter uns, die Weite des norwegischen Hochlandes beginnt. In Dovre beziehen wir Quartier im Toftemo Hotel.

Die Nacht wird eisig. Wieder einmal sind wir froh um unsere Standheizung, die nicht nur den Innenraum, sondern auch den Motor wärmt. Ein kleiner Luxus, den man bei solchen Temperaturen sehr schnell zu schätzen lernt.

Am Morgen wollen wir hinaus ins Dovrefjell.

Wir wandern einen Teil des Moschuspfades und steigen auf den Hjerskalven, 1291 Meter hoch.

Für uns Schweizer natürlich eine magische Höhenzahl – 1291, das Gründungsjahr der Eidgenossenschaft.

Etwa 13 Kilometer sind wir unterwegs. Moschusochsen sehen wir keine und auch keine wildlebende Rentiere.

Aber erstaunlicherweise fehlt uns auch nichts. Die Farben des Herbstes, die karge Vegetation, die Berge und vor allem diese unglaubliche Weite sind überwältigend. Es ist eine Landschaft, die nicht mit einzelnen spektakulären Punkten beeindruckt, sondern als Ganzes. Man läuft und schaut und wird dabei immer stiller.


Am nächsten Morgen regnet es, genau wie angekündigt. Auf unserem Weg Richtung Fredrikstad machen wir deshalb Halt in Lillehammer. Endlich sehe ich einmal die Håkons Hall aus der Nähe.

Für einen Holzbauer ist sie fast schon ein Stück Zeitgeschichte: Die für die Olympischen Winterspiele 1994 errichtete Halle besitzt eine Dachkonstruktion aus grossen Fachwerkträgern aus Brettschichtholz mit Spannweiten von rund 84 Metern. Die Halle ist 127 Meter lang, bis zu 107 Meter breit und bietet Platz für rund 11'500 Zuschauer. Sie gehört damit zu den eindrücklichen grossen Holztragwerken jener Zeit.

Ganz korrekt wäre allerdings nicht, sie als damals grössten Holzbau zu bezeichnen. Im Umfeld der Olympischen Spiele entstanden mehrere aussergewöhnliche Holztragwerke – allen voran das Vikingskipet in Hamar mit Brettschichtholzbögen von rund 96 Metern Spannweite. Für mich bleibt die Håkons Hall dennoch ein wunderbares Beispiel dafür, was mit Holz schon vor mehr als drei Jahrzehnten in dieser Dimension möglich war.

Auch Lillehammer selbst gefällt uns.

Abseits der olympischen Grossbauten wirkt die Stadt angenehm überschaubar, mit vielen alten Holzhäusern und einer Atmosphäre, die so gar nichts Monumentales an sich hat.

Und dann folgt auf der Weiterfahrt beinahe zwangsläufig ein zweites Kapitel norwegischer Holzbaugeschichte. In Brumunddal passieren wir den Mjøstårnet, das weithin sichtbare Hochhaus am Mjøsa.

85,4 Meter hoch, 18 Geschosse, mit einer tragenden Konstruktion aus Brettschichtholz und CLT. Bei seiner Fertigstellung 2019 wurde es vom CTBUH als höchstes Holzgebäude der Welt anerkannt. Heute wird es von Moelven etwas vorsichtiger als eines der höchsten Holzgebäude der Welt bezeichnet; in Norwegen ist es nach wie vor das höchste.

Für mich ist die Strecke damit fast eine kleine Zeitreise durch den modernen Holzbau: von den weitgespannten Konstruktionen der Olympiabauten der frühen 1990er-Jahre bis zum mehrgeschossigen Holzhochhaus des 21. Jahrhunderts.

Am Abend erreichen wir Fredrikstad.

Wir machen noch eine Stadtwanderung, setzen mit der Fähre nach Gamle Fredrikstad über und lassen den Tag bei wunderbarem indischem Essen ausklingen.

Heute wechseln wir nach Schweden. In Lerberget haben wir ein wunderschönes Strandhaus direkt am Meer gefunden. Und wir merken beide, dass diese lange Reise mit ihren unzähligen Landschaften, Wanderungen, Begegnungen und Geschichten langsam auch unsere Aufnahmefähigkeit an ihre Grenze bringt. Irgendwann kann selbst das Schönste fast zu viel werden.

Deshalb nehmen wir die kommenden Tage gemütlich. Wir sind noch unterwegs, aber eigentlich hat die Rückreise bereits begonnen.

Ich schalte einen Arbeitstag für unser ESAF-Projekt ein.

Gleichzeitig beschäftigt mich die Mitarbeit in einer internationalen Kommission zur Übertragung der holzfreundlichen europäischen und schweizerischen Brandschutzvorschriften auf die Ukraine. Beim Wiederaufbau werden enorme Mengen an Wohnraum benötigt. Wenn dieser Wiederaufbau möglichst nachhaltig erfolgen soll, wird auch der mehrgeschossige Holzbau eine wichtige Rolle spielen müssen.

So schliesst sich unterwegs wieder einmal ein Kreis: Wir fahren durch Norwegen und sehen, was mit Holz seit Jahrzehnten möglich ist – von riesigen Hallentragwerken bis zum Hochhaus. Und ein paar Tage später sitze ich am Meer in Schweden und beschäftige mich mit der Frage, welchen Beitrag genau dieser Baustoff beim Wiederaufbau eines Landes leisten könnte.

Die Reise wird langsamer. Die Gedanken noch lange nicht.

 

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